Der Vercors
Wie ? Kenn ich nicht ... Hallo... und so was nennt sich weitgereister Biker ... ts ,ts ...mal schnell die Lesebrille geholt und den Bericht gelesen. Oder willst du wieder in der Ecke stehen und nicht mitreden können wenn die wahren Tourenbiker sich unterhalten? Also, die paar Minuten müssen schon sein!
Der Vercors liegt im Westen der französischen Alpen und erstreckt sich auf einer Fläche von ca 30x40 Kilometer. Nicht wirklich groß sollte man meinen, aber nichts desto trotz mit 170 Quadratkilometern Fläche das größte französische Naturschutzgebiet. Man kann dort allerlei verschiedenen Freizeitaktivitäten nachgehen, wie z.B. im Winter Skifahren, ansonsten Wandern, Bergsteigen (die Berge sind bis 2350m hoch), Velo fahren in all seinen Variationen und natürlich hervorragend bis exzellent Motorrad fahren. Soweit zu den Fakten .
Der Vercors war bis Anfang des 20.Jahrhunderts verkehrstechnisch nur sehr schlecht an den Rest des Landes angeschlossen. Die schroffen Abhänge boten kaum Möglichkeiten sich motorisiert auf das Hochplateau zu begeben. Und so kam es wie es kommen musste. Jemand klemmte sich ein Baguette unter die feuchte Achselhöhle, eine Schachtel Gitanes (ohne Filter) kam in die ausgebeulte Hosentasche, eine Stange Dynamit neben die Streichhölzer in der Jackentasche und machte sich an die mühselige Arbeit. Und so war er eine Weile beschäftigt und kam nicht auf dumme Gedanken. Das Ergebnis sind einige der spektakulärsten Gebirgsstraßen, die ich kenne. Als da wären zum Beispiel: die Combe Laval, die Grands Goulets, der Gorges de la Bourne oder auch der Gorges du Nan, um nur einige zu nennen. Da haben sich die Burschen als Lohn für die Arbeit aber ´nen demi Pichet Vin Rouge durchaus verdient!
Wir wollen diesmal von Westen in den Vercor fahren und da bietet sich der Gorges du Nan an. Im Gegensatz zu den östlichen Auffahrten des Gebirges, welche recht sanft auf das Plateau führen, ist der westliche Rand des Vercors stark zerklüftet und wesentlich unwirtlicher.
In Gognin-Les-Gorges stehen die Schilder, die uns den Weg in die Schlucht weisen. Sehr schnell gewinnt man auf der steilen und kurvenreichen Straße an Höhe und bereits nach einigen Kilometern markiert ein erster Tunnel den eigentlichen Beginn des Gorges du Nan. Was sich da dem Reisenden bietet ist in Worten kaum zu fassen. Nur unterbrochen von einigen Tunneln ist die schmale Straße direkt in die Felswand gesprengt worden. Welch eine gewagte Konstruktion ...Chapeau ! Eine kleine Mauer dient als "Schutz" vor dem senkrecht abfallenden Abgrund. Das ist nicht für schwache Nerven. Kein Witz ! Und von Fahrbahnbreite kann man auch nicht wirklich sprechen. Wenn drei Leute nebeneinander laufen hat der Vierte schon ein Problem. Fazit : diese Schlucht werden wir sicher ein zweites Mal fahren ohne das Langeweile aufkommt !

Über Malleval-en-Vercors, Le Fos und Presles fahren wir auf der Hochebene des Vercors und genießen Land und Leute, wobei letztere nicht zahlreich vorhanden sind. Hinter den Ortsnamen verbirgt sich im Regelfall ein paar Häuser, eventuell eine kleine Kirche und sonst Nichts. Kein Aldi vorhanden, Blödmarkt ist Fehlanzeige und 20% auf Alles (außer Tiernahrung) ist nicht in Sicht. Aber scheinbar geht es auch ohne alle diese Segnungen der Zivilisation. Es macht Spaß durch diese Gegend zu fahren, keine Frage ... und doch ist es dann irgendwann wieder soweit. Es war einfach zu befürchten, wenn man im Vercors seine Runden dreht
Ein klaffender Abgrund lässt uns, nein nicht schaudern, sondern nur staunen. Hoch über der Gorges de la Bourne stehen wir. Der Blick ist durch die Wolken und den Nebel leider etwas eingeschränkt, lässt aber Großartiges erahnen. Der abrupte Wechsel zwischen der Ebene mit ihren Wäldern und kargen Äckern unterbrochen von den tiefen Schluchten. Wieder ein Grund für eine Wiederholung der Tour !

Pont-en-Royan ist immer für einen Halt gut. Sehr idyllisch am Ende des Gorges de la Bourne gelegen mit einigen netten Foto Motiven und der Möglichkeit ne Kippe an zu machen. Wir erlauben uns ja diesmal den Luxus und lassen einige der Highlights des Vercors bewusst aus. Wer das erste Mal in den Vercors fährt sollte sich aber die Zeit nehmen und die Höhepunkte unbedingt einplanen.
Die Zigarette ist zu Ende gepafft und die Reise kann weiter gehen. Immer schön an der westlichen Seite bleiben. Leider ist der Col de la Bataille wegen eines Erdrutsches gesperrt, was die ursprüngliche Planung zu nichte macht. Aber kein Problem einen adäquaten Ersatz zu finden wie ein Blick in die Michelin Karte zeigt. Es gibt genug alternative Strecken in der Gegend.
Das Kloster Léoncel, eine ehemalige Zisterziensermönchsabtei, lädt zu einem kurzen Halt ein. Man muss sich wundern wie Leute auf die Idee kommen und hier ein Kloster zu bauen. Nicht Gross ,aber idyllisch gelegen. Vielleicht wollten die einfach ihre Ruhe haben und davon hat es hier reichlich. Außerdem ist hier der Kreuzungspunkt von vier Straßen. Wir entscheiden uns für die Route in Richtung Crest und damit für den Abstieg aus dem Vercors. Der tiefere Grund dafür ist schlicht und ergreifend, dass es reichlich wenig Hotels in diesem Teil des Vercors gibt.

Die schmale und steile Straße – eher ein Sträßle - windet sich kurvenreich talwärts und wir kommen durch Plan-de-Baix und erreichen Beaufort-sur-Gervanne. Ein kleines Dorf aber Kreuzung mehrerer Straßen, und eine davon führt in Richtung Die. Wir entscheiden uns für diese Richtung. Das ist, wie wir wenig später feststellen ein absoluter Glücksgriff. Das Verkehrszeichen „Achtung Kurven“ und das auf 18 KM Länge, lässt des Bikers Herz höher schlagen. Der Col de la Croix ist das Filetstück dieser süchtig machenden Route.
Die ist eine kleine verwinkelte Stadt am südlichen Ende des Vercors. Hier herrscht nicht mehr das rauhe Klima der Berge, sondern man merkt ganz deutlich den milden Touch der nahen Provence. Die Stadt liegt an der Drôme in einer weiten, flachen Tal ebene. Recht touristisch geht es hier zu. Nach der Abgeschiedenheit der Berge ist man es nicht gewohnt so viele Menschen zu sehen. Aber es lohnt sich die schöne Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen zu besuchen, oder sich in einem der vielen Straßencafés die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen.

Hier lässt es sich aushalten und so haben wir im Hotel „L´Escale de Die“ Quartier bezogen. Neun Zimmer hat das kleine Hotel und wir hatten Glück noch eines zu ergattern. Abends im Restaurant des Hotels haben wir bei einer Flasche Rosé, dem typischen Wein der Provence, eine Spezialität der Region ausgewählt. Dazu noch der Jahreszeit angepasst … Ravioli aux Cèpes (Ravioli mit Steinpilzen). Die Ravioli im Süden Frankreichs sind im Gegensatz zu ihren italienischen Verwandten aber nicht gefüllt. Es sind lediglich Teigtaschen. Die ganze Sache in einer schmackhaften Kräuter-Sahne-Sauce perfekt mit den Pilzen abgeschmeckt , dazu noch gratiniert … Chapeau!
Merke: es gibt ein besseres Leben außerhalb der Maggi Dose
Ein frühherbstlicher Tag in der Provence. Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens scheinen langsam über die umliegenden Gipfel der Berge und kündigen den neuen Tag an. Wir sitzen auf der Terrasse und genießen den dampfenden Café au Lait und lassen diese Szene auf uns wirken. In solchen Momenten weiß man dass sich die Strapazen gelohnt haben und die elende Kilometerfresserei auf der Autobahn ist nur noch Nebensache.
Von Die nach Aspres-sur-Buech sind es gut 60 Kilometer gut ausgebaute Landstraße. Im milden Gegenlicht, der morgendliche Dunst steigt aus den Wiesen, zieht die Landschaft an uns vorbei. Es ist einfach nur schön! Ab und zu passieren wir eines dieser typischen kleinen Dörfer der Region. Die Menschen kommen vom Bäcker und haben frisches Baguette für das Frühstück geholt. Noch schnell ein kleines Schwätzchen mit dem Nachbarn. Eine Szene wie aus dem französischen Klischee Bilderbuch.
Genug geschwärmt. Es geht weiter …
Einspurige kleine Straßen sind wieder angesagt. Also bietet es sich an kurz hinter Veynes auf die D 937 abzubiegen. Ein cooler Blick auf den Col du Feste, eine Wolkenwand hängt wie eine Welle über die Berge. Was aber von unten klasse aussieht entpuppt sich als wir die Passhöhe erreicht haben, als eine schöne Bescherung. Schlagartig wechselt das Wetter von einem strahlend tiefblauen Himmel in das krasse Gegenteil ... graue, triste und wolkenverhangenen Berge. Reste des schlechten Wetters der vergangenen Tage halten sich in einigen Regionen noch hartnäckig.

Aber wir haben das Glück des Tüchtigen und das gleiche Prozedere, nur jetzt anders rum, wiederholt sich am Col du Noyer. Ein fantastischer Blick von der Passhöhe auf das im Dunst liegende Tal eröffnet sich uns. Ich habe den Pass im Juli das erste Mal gesehen und zwar während einer TV Übertragung der Tour de France. Da dachte ich mir, Mensch, da musste auch mal hin. Und so ist es geschehen! Die Abfahrt ins Tal ist Spass pur und bietet alles was das Motorrad fahren in den Berge zum Vergnügen macht.
Am Fuß des Passes erreicht man die Route Napoleon, welche in diesem Abschnitt Gap mit Grenoble verbindet. Ist ja auch schön zu fahren, aber für unsere Zwecke nicht geeignet. Wir wollen weiter auf kleinen Straßen unterwegs sein. Also fahren wir auf der linken Seite des Lac du Sautet entlang. Einige Bauernhöfe passiert man, dann ist wieder nichts. Landleben pur ….die Hühner laufen auf der Straße, Schweine quietschen in ihren Ställen und ab und zu sieht man auch die Bewohner. Dörfer wie Le Glaizil oder Ambel passieren wir, immer auf der Suche nach einer Bäckerei oder einem kleinen Lebensmittelladen, da sich inzwischen Hunger auf der FJR breit gemacht hat. Aber erst in Mens, knapp 20 Kilometer später werden wir fündig. Ein leckeres Schinkensandwich stärkt uns hungrige Reisende. Es war auch Markt in der Stadt, aber unsere Hoffnung, ein Sandwich mit frisch gegrillten Merguez und Harrisa zu erwerben, war leider von Misserfolg gekrönt.
Tja, dann gab es noch einige Kilometer Landstraße bis nach Grenoble und unsere Runde durch den Vercors und die Provence näherte sich dem Ende. Jedenfalls die Etappe mit den kleinen Landestrassen. Es war leider nicht möglich noch nen Tag Urlaub an zu hängen … das Leid der abhängig Beschäftigten. Zwei Tage sind schon recht kurz für so ne Tour mit 1700 Kilometern, aber es war nicht zu ändern. Da hat es der Selbst und Ständige halt besser. Das nächste Jahr werden wir sicher wieder die Gegend bereisen. Es gibt da ja noch einige Gorges, die man durchaus zweimal befahren kann.
á la Prochaine
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Aktualisiert (Dienstag, den 28. September 2010 um 16:14 Uhr)
Kommentare
In der Gegend um Grenoble war ich auch 2010, allerdings ohne zu wissen wo ich genau war, wir sind in der Gegend nen halben Tag im Kreis gefahren.. dank Handynavi, geht halt nix über ein richtiges Navi. jetzt weiss ich wenigstens was ich dort verpasst habe, ein Grund, mal wieder hin zufahren
Tom
Ich habe heute mit der Grobplanung meiner Tour 06/11 begonnen, dabei werden wir auch das Gebiet des Vercors unter die Räder nehmen.
Viel Spaß bei deinen weiteren Touren
Herbert
War eine schöne Runde mit tollen Fotos. Ich denke die nächste wird nicht weniger spektakulär.
Gute fahrt und viele Grüße
Michael /mimoto