Sinn oder Unsinn

einer solchen ausgedehnten Tour übers viel zu kurze Wochenende …Dieser Gedanke kommt mir, während wir auf der Autobahn Kilometer um Kilometer auf dem Heimweg abspulen. Über 1600 Km in zwei Tagen sind sicher kein Pappenstiel, bieten aber andererseits viele unvergessliche Eindrücke, die man sicher nicht so schnell vergisst.
Rainer meinte auch, die Fahrt auf der Dosenbahn sei so was von mega ätzend. Das komische ist nur, kaum ist die Landstrasse erreicht und die ersten Kurven gefahren, der erste Col elegant durchkurvt, ist alles vergessen und man hat Spass am Leben auf dem Bike. Noch einer, der Rainer , der so tickt wie ich.Es ist ja nicht so, dass es in Deutschland keine schönen Moppedstrecken geben würde, aber sagen wir mal so, jeden Tag Nudeln ist auch nicht das Wahre. Ab und zu möchte man schon mal ein kleines Schmankerl oder auch ein gutes Stück Fleisch und nen guten Tropfen dazu.
Jetzt ist aber genug das Philosophieren über Sinn oder Unsinn einer solchen Tour für 2 Tage in die westlichen Alpen. Es soll ja nur eine kleine Reportage über nen Wochenendtripp von fünf Leuten geben und nichts Episches bis Epochales.
Wenn Schilder an der Strasse stehen, kann es sein, dass sie nerven - wieso soll ich hier nur 60 Km/h fahren? Aber diese braunen rechteckigen i.d.R. touristischen Wegweiser haben was für sich, besonders wenn da „Routes des Grandes Alpes“ drauf steht. Da freut sich der Biker, denn er weiss es verspricht eine schöne Tour zu werden.

Aber nun der Reihe nach… bei Montreux verlassen wir endlich die Autobahn und nehmen die Uferstrasse am südlichen französischen Teil des Genfer Sees. Evian-les-Bains lädt zu einem kurzen Stopp ein. Die Stadt, schön gelegen und direkt am See mit einem kleinen Hafen empfängt uns mit einem wolkenlosen Himmel und die Temperaturen bewegen sich auch schon in einem Bereich, der die Transpiration in den dicken Moppedklamotten leicht erhöht.
Also wird es Zeit die letzten Leberwurstbrote zu verdrücken, bevor die Wurst flüssig wird. Man könnte sich an dieser Stelle über den Sinn oder Unsinn von selbst geschmierten Wurstbroten auslassen. Lieber nicht, sonst fange ich wieder das Philosophieren an. Um es kurz und prägnant zu sagen …einfach köstlich, die selbst geschmierten Stullen …lecker!

Leicht, locker, flockig – kurzum entspanntes Fahren durch die französischen Alpen. Hier und da unterbrochen von einem dieser genial angelegten Pässe (Colombier, Aravis, Saisies) Man muss ja mal die Gastgeber loben, bevor man wieder rummnörgelt. Einfach nur schön zu fahren. Und was gibt es zu nörgeln in dieser herrlichen Landschaft? Die fast menschenleeren verwaisten Ski Ressorts jetzt im Sommer. An Hässlichkeit kaum zu überbietende Dörfer hoch oben auf den Bergen. Nicht mal fotografieren kann man das Elend. Der Sensor der Digicam könnte Schaden nehmen angesichts diesen Übels.

Kurz nach der Ankunft in Bourg-St-Maurice werden die Moppeds vollgetankt. Man weiss ja nie , wie weit man noch fährt. Schon auf dem Cormet de Roseland haben wir beschlossen nicht hier, um es freundlich auszudrücken, nicht gerade schönen Stadt zu bleiben. Eines dieser ominösen kleinen Landhotels wollen wir uns suchen. Muss ja irgendwas noch geben bis Val d´Isère, oder?
Doch es kam wie es kommen musste. Nichts genügte unseren Ansprüchen und bald waren wir am Ende des Tals angekommen. Das Kaff ist schwer an Hässlichkeit zu überbieten. Ein Paradebeispiel für: Wie verschandele ich die Alpen am effektivsten – Chapeau !

Um 19 Uhr waren wir dann auf dem Col d´Iseran in 2770m Höhe. Viel mehr geht nicht in den Alpen. 12 Grad (plus) machten den Aufenthalt allerdings nicht gerade zum Vergnügen, sodass ein paar Fotos später der Tross sich gen Tal in Richtung Lanslebourg trollte. Nach 14 Km und knapp 1000 Höhenmeter tiefer fanden wir am Fuss der Auffahrtsrampe in Bonneval-sur-Arc, was wir suchten. Das kleine Hotel mit Restaurant, nicht ganz billig aber schön gelegen im Talkessel mit Blick auf die umliegenden Gipfel. Das Restaurant des „ Le Glacier des Evettes“ ist zu empfehlen. Pintandeau au Sauce des Morilles schmeckte vorzüglich und war nach der Vorspeise ( Reblochon im Blätterteig) ein krönender Abschluss des Menus. Die Mitreisenden waren ebenfalls hoch zufrieden mit dem Kredenzten, jedenfalls hörte ich keine Klagen. Ein gelungener Abschluss des Tages bei einigen Pichets Vin Rouge der 1 Liter Klasse.

Hungern auf Rädern – so titulierte mal ein mir nicht unbekannter Zeitgenosse meinen Tourstil. Dem ist natürlich nicht so. Und so fuhren wir ohne Frühstück vom Hotel an diesem herrlichen Morgen in Richtung Lanslebourg los. 7 Uhr 30 war auch die ideale Zeit um die Frische des Morgens zu geniessen, obwohl ich meinte, bei dem ein oder anderen ein leichtes Stirnrunzeln angesichts der Uhrzeit zu erkennen. Ich kann mich aber auch getäuscht haben, alleweil mich die Sonne an diesem Morgen etwas blendete. Bergidylle …wie aus dem Bilderbuch von Luis Trenker. Glückliche Kühe auf saftigen Wiesen, Murmeltiere, die vor sich hinpfeifen und 5 deutsche Biker bei frischen Croissants und Milchcafe. So schön kann das Leben auf dem Col du Mont Cenis sein. Noch schöner ist allerdings die folgende Abfahrt ins italienische Aostatal. Nach dem Frühstück sollst du ruhen oder 1000 Kurven fuhren (reimt sich anders nicht )
Scheinbar ist heute Volksradfahren im Aostatal angesagt. Der Menge nach müssen alle Rennradfahrer von Sizilien bis Mailand hier am Start gewesen sein. Natürlich, wie es sich für Italiener gehört, alle perfekt gestylt zum jeweiligen Rädle. Strampelnd, schnaufend und schwitzend, es war inzwischen recht warm geworden hier unten im Tal, wälzte sich ein Lindwurm von mehreren hundert Velofahrern auf der schmalen Strada gen Sestriere. Natürlich unter Missachtung bzw. Vermeidung allgemein gültiger Verkehrsregeln. Irgendwie haben wir uns da durchgewurschtelt und sogar die Zeit für nen Cafe war noch drin. Btw … in Italien würde niemand auf die Idee kommen nen „Espresso“ zu bestellen. Man bestellt einfach einen caffè und schon hat man das gewünschte kurze Zeit später vor sich. Soviel zum pädagogischen Teil des Reiseberichts.

Weiter geht's mit den Pässen.
Als da wäre der Col de Montgenèvre, welcher das Aostatal mit Briancon verbindet. Ich wüsste nicht, dass ich da schon mal gefahren wäre ohne die obligatorischen Baustellen auf italienischer Seite. Gut Ding will halt Weile haben. Die Franzosen haben ihre Hausaufgaben schon längst gemacht. Sehr ordentlich das Ganze und die Fahrfreude steigt zum Leidwesen der Fussraster an. Einer muss halt immer der Dumme sein. Aber die Erholung für die gestressten Angstnippel setzt auf dem recht langen, aber uninteressanten Anstieg zum Col de Lautaret bald ein. Nun denkt sich der geneigte Leser ...war da nicht was ...Col du Lautaret … na klar ! Da ist oben auf der Passhöhe der Abzweig zum Col du Galibier.Wer nicht ganz schwindelfrei ist, sollte dann während der Auffahrt zur Passhöhe lieber zur Bergseite schauen. Diese pragmatische Lösung empfiehlt sich dann aber eher für die Sozia denn für den Fahrer. Könnte sonst übel ausgehen für das Duo auf dem Mopped. Leitplanken hab ich keine gesehen, die sind ja eh was für Warmduscher.

Die Sicht vom Galibier ist absolut fantastisch und mit Worten kaum zu beschreiben. Man hat einen phänomenalen Überblick über die schneebedeckten Bergriesen, die dort dicht an dicht stehen. Es lohnt sich immer wieder diesen Pass unter die Räder zu nehmen!Die Strasse kann allerdings nicht mit diesen Superlativen mithalten. Eine teilweise ziemliche Rumpelpiste bremst den Speed automatisch ein. Unübersichtliche Kurve am Steilhang überzeugen jeden vernünftigen Menschen und ermahnen zu einer lebensbejahenden Fahrweise. Natürlich gibt's auch dort immer wieder Ausnahmen, die fahren bis der Arzt kommt. Sonntags haben dort die Mediziner frei , also …
Anders sieht's beim Col de Télégraph aus. Dieser schliesst sich direkt an den Galibier an und bringt uns ins Tal der Maurienne. Klasse ausgebaut, griffiger Asphalt und Kurvenkombinationen mit unterschiedlichsten Radien erlauben bei angepasster Geschwindigkeit ein letztes Vergnügen vor dem Talgrund. Quelle plaisier ! Das war es dann auch schon mit Bergen , Pässen und wunderbarem Wetter. Nun kam das zu erwartende und nicht zu vermeidende Kontrastprogramm. Hitze, Langeweile und reichlich Autobahn. Und es kam wieder die Frage auf, was wir hier eigentlich machen ….macht das Sinn oder ist es Unsinn.
Hier klicken um den genauen Verlauf der Tour anzusehen (mit Exportfunktion für Navis)
Aktualisiert (Samstag, den 23. April 2011 um 11:59 Uhr)
